Die Entstehung der Sparkassen

17.11.2021 Historisches

Von der Idee zu den ersten Sparkassengründungen in Niedersachsen

Bereits im 17. Jahrhundert gab es in Frankreich und England erste Sparkassenpläne, die jedoch nicht verwirklicht wurden – die Zeit war noch nicht reif. Erst im Zuge der Aufklärung entstanden im 18. Jahrhundert die ersten deutschen Sparkasseninstitute. Vor allem in Niedersachsen schlug der Sparkassengedanke früh Wurzeln.

Sparkassenpioniere in Frankreich und Britannien

Schon 1611 forderte der französische Finanzbeamte Hugues Delestre, der Staat solle Dienstboten und Lohnarbeitern eine Möglichkeit bieten, Ersparnisse gegen Zinsen anzulegen, um so für Krankheit, Alter oder Tod vorzusorgen und formulierte damit erstmals die Sparkassenidee. Die französische Regentin Marie von Medici war von Delestres Vorschlägen jedoch wenig angetan und lehnte die Schaffung solcher Einrichtungen ab.

Rund 85 Jahre später griff der britische Autor Daniel Defoe, bekannt durch seinen Roman "Robinson Crusoe", den Sparkassengedanken wieder auf. Doch genau wie Delestre war er damit seiner Zeit weit voraus. Die erste Sparkasse Großbritanniens entstand erst 1810 im schottischen Ruthwell, die erste Frankreichs 1818 in Paris.

Finanzielle Sicherheit als Recht für Jedermann

Möglich wurden die ersten Sparkassengründungen durch engagierte Bürger, die im Geiste der Aufklärung dafür sorgten, dass Bildung, Gesundheit, finanzielle und soziale Sicherheit nicht mehr das Privileg eines einzelnen Standes, sondern das Recht eines jeden Menschen waren. Im 18. Jahrhundert schlossen sich in vielen Städten Bürger in humanitären, patriotischen und gemeinnützigen Zirkeln und "Societäten" zusammen, um Fortschritte im Bildungs- und Sozialwesen zu erreichen.

Neu war in diesem Zusammenhang auch der Vorsorgegedanke für die sozial Schwächeren. So wurde Armut nicht mehr als gottgegeben und gottgewollt hingenommen, sondern als Ausdruck von Ungerechtigkeit oder selbstverschuldetem Handeln bekämpft. Sparen, um vorzusorgen – das war ein neuer erzieherischer Ansatz.

Ersparungscassen: Ein Modell macht Schule

Portrait vom Herzog von Oldenburg. - Quelle: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
Portrait vom Herzog von Oldenburg.

Bereits 1778 hatte die Patriotische Gesellschaft in Hamburg, ein Zusammenschluss engagierter Bürger, eine "Allgemeine Versorgungsanstalt" ins Leben gerufen. Dazu gehörte auch die Einrichtung einer "Ersparungscasse" zum Nutzen "geringer fleißiger Personen beiderlei Geschlechts".

Diese Einrichtung bot Menschen mit geringem Vermögen – das Statut nennt ausdrücklich "Dienstboten, Tagelöhner, Handarbeiter [und] Seeleute" – die Möglichkeit, ihr Geld zinsbringend anzulegen. Das war neu.

Schnell machte das Hamburger Modell Schule. Insbesondere im norddeutschen Raum folgten ähnliche Gründungen: 1786 gründete der Herzog von Oldenburg eine Sparkasse und 1801 gründeten Bürgermeister und Rat in Göttingen die erste kommunale Sparkasse. Die Motive für diese und andere Sparkassengründungen waren Hilfe zur Selbsthilfe, Unterstützung bei der Existenzsicherung für die ärmeren Volksschichten, Erziehung zu Fleiß und Sparsamkeit, Förderung von Moral und Sittlichkeit – alles eng verbunden mit dem aufgeklärten Denken und Handeln dieser Zeit.

Welche darf sich die „älteste Sparkasse“ nennen?

Hamburg (1778), Oldenburg (1786), Kiel (1796), Altona (1801), Göttingen (1801) und Darmstadt (1808) zählen zu den ersten Sparkassen in Deutschland, den so genannten "Ursparkassen".

Welcher heute immer noch bestehenden Sparkasse das Privileg zukommt, sich die älteste Sparkasse Deutschlands nennen zu dürfen, darüber besteht allerdings Unklarheit. Auch zahlreiche ursprünglich als Leihhäuser (Detmold 1786) oder Waisenkassen (Salem 1749) gegründete Institute erheben Anspruch auf den Titel. Da es bis heute keine allgemein akzeptierte Definition gibt, was die alles entscheidenden wesentlichen Merkmale "der" Sparkasse genau sein sollen, wird diese Frage wohl auch in Zukunft offenbleiben.

Sparkassen sind eben kein homogenes Gebilde, sie sind historisch gewachsen und Kinder ihrer Region. So wird diese Frage in erster Linie die Spezialisten beschäftigen. Fest steht, Sparkassen gibt es seit über 200 Jahren und kaum ein anderes heute noch selbständig existierendes Kreditinstitut kann auf eine so lange und erfolgreiche Tradition zurückblicken.

In Niedersachsen gehören Oldenburg, Braunschweig, Göttingen und Hannover zu den ältesten Sparkassen. Hier sind ihre Entstehungsgeschichten:

Das Herzogtum Oldenburg schrieb das Jahr 1784, als Herzog Friedrich August von Holstein-Gottorp eine Kommission damit beauftragte, das oldenburger Armenwesen zu reformieren.

Dieser Auftrag war sinngemäß der Startschuss für die erste Sparkasse der Welt, denn die Überlegungen der Kommission sahen unter anderem die Gründung einer "Ersparungscasse" vor. Diese sollte in erster Linie als "Leihkasse" dienen, die mit Krediten zur "Verbesserung der allgemeinen Landeswohlfahrt" beitrug, da die Armut das vorrangige Problem der damaligen Zeit war.

Die Gründung erfolgte durch Herzog Peter Friedrich Ludwig, der 1785 die Regierungsgeschäfte im Herzogtum Oldenburg übernahm, mit der Oldenburger Verordnung vom 1. August 1786. Damals war das gemeinsame Wesensmerkmal der Sparkassen der soziale Auftrag, beziehungsweise die Förderung des Sparsinns der unteren Schichten. So stand als einleitende Bemerkung in der Gründungsurkunde: "Personen von geringerm Stande und Vermögen in dem Herzogthum Oldenburg sollen die ihnen bisher fehlende Gelegenheit erhalten, den kleinen Gewinn, […] ohne Gefahr des Verlustes zinsbahr zu nutzen." Noch bis heute sind die Sparkassen in Deutschland wichtigster Förderer und Unterstützer des Mittelstandes. Dabei wird dem öffentlichen Auftrag der Sparkassen stets Vorrang vor der Gewinnmaximierung gewährt.

In den folgenden Jahren nach der Gründung erfolgte dann die weitere Ausbildung der "Ersparungscasse", sodass sie im Jahr 1850 die ersten eigenen Geschäftsräume im Gebäude der Regierung erhielt. Zu dem Zeitpunkt hatte bereits jede zweite Familie im Herzogtum ein Konto. Mit dem Bau der Eisenbahn in Oldenburg im Jahre 1867 hielt dann dort auch der wirtschaftliche und industrielle Aufschwung Einzug und die Sparkasse spielte eine immer wichtigere Rolle. Da die Gemeinden im Herzogtum Oldenburg begannen, eigene Sparkassen zu eröffnen, stieg der Konkurrenzdruck für die "Ersparungscasse" und sie war gezwungen, Zweigstellen zu eröffnen.  1913 erhielt sie dann ihren heutigen Namen "Landessparkasse zu Oldenburg".

Herzog Karl I. von Braunschweig-Wolfenbüttel hatte bereits 1765 ein "Leyhaus" mit Sitz in der Hauptstadt gegründet, das über Zweiganstalten in den umliegenden Kreisen verfügte. Es fungierte gleichzeitig als Sparkasse – allerdings nur für wohlhabende Kreise, da eine Mindesteinlage von 25 Talern vorausgesetzt war.

1834 führte ein Gesetz Sparkassen formal als Unterabteilungen des "Leyhauses" ein, die überall im Herzogtum ihre Pforten öffneten. Die Sparkassen waren ausschließlich für die Aufbewahrung relativ geringer Geldsummen gedacht, denn die Einlagenhöhe wurde nun auf 25 Taler begrenzt. Auch nachdem das "Leyhaus" 1842 zur "Landes-Creditanstalt" und damit zur Staatsbank wurde, blieben die Sparkassen diesem zugeordnet.

Die Stadt Göttingen entschloss sich 1801, eine Sparkasse zu errichten, die eng mit dem bereits bestehenden Leihhaus verbunden war. Erstmals ergriff hier kein adliger Landesherr, sondern eine Kommune die Initiative. Die neue Spar- und Leih-Casse sollte „nicht allein denjenigen Personen, welche von ihrem Erwerbe und Lohne etwas zurück legen wollen, sondern auch allen hiesigen Einwohnern, die kleinere Capital-Summen von 5 bis 100 Reichsthaler nicht zinsbar und sicher belegen können, Gelegenheit geben, diese Gelder so wie jene Sparsummen mit Vortheil und Sicherheit zu benutzen.“

Neu war zudem, dass die Kommune als Träger die Sparvermögen garantierte, die sogenannte "Gewährträgerhaftung".

Die Kombination aus Spar- und Leihkasse erwies sich auch aus anderen Gründen als vorteilhaft. Denn Sparkassen galten als Institutionen für die „niederen Volks-Classen“. Um auch die wohlhabenden Göttinger Einwohner zu gewinnen, war die Schaffung einer Leih-Abteilung nur konsequent. Denn Leihhäuser hatten sich aufgrund der attraktiven Zinsen bereits seit langem als solide Anlagemöglichkeit für angesehene Bürger etabliert. Die Göttinger Sparkasse diente also nicht allein den ärmeren Volksklassen.

Ab den 1820er Jahren mehrten sich die Sparkassengründungen. Im Königreich Hannover entstanden bis 1850 über 70 Sparkassen mit meist kommunalen Trägern. 1823 ging die Hauptstadt Hannover mit gutem Beispiel voran, bevor in den 1830er Jahren die Gründungswelle richtig ins Rollen kam, auch in vielen kleineren Städten.

Das wirtschaftsliberal orientierte Königreich Hannover förderte die Gründungen von Sparkassen und verzichtete weitgehend auf eine Regulierung durch Gesetze oder Verordnungen. Organisation und Geschäftsbetrieb der Kassen unterschieden sich kaum.

Die Entwicklung des niedersächsischen Sparkassenwesens nahm mit Osnabrück 1825 ihren Lauf, wobei die große Welle der Sparkassengründungen in Südniedersachsen erst 1830 in Einbeck einsetzte. Es folgten weitere Sparkassen: Münden (1833), Clausthal (1836), Zellerfeld (1836), Bad Lauterberg (1839), Osterode (1840), Bergstadt Altenau (1845), St. Andreasberg (1846), Duderstadt (1846), Herzberg (1855), Reinhausen (1857), Uslar (1859), Northeim (1866), Goslar (1867), Gieboldehausen (1883) und Bad Sachsa (1887). 

Und heute? In Niedersachsen gibt es (Stand 31.12.2020) insgesamt 39 Sparkassen und die zur NORD/LB angehörige Braunschweigische Landessparkasse.

Gründungsidee: Sparmöglichkeiten für Jedermann

In der Regel wurden die Sparkassen von einem Geschäftsführer (Rendanten) im Nebenamt geführt, dessen Kassenlokal häufig seine Privatwohnung war. Die Öffnungszeiten beschränkten sich auf wenige Stunden pro Woche. Da vor allem die unteren Gesellschaftsschichten von den Kassen profitieren sollten, war die Einlagenhöhe begrenzt. Teilweise wurde diese Grenze jedoch nicht besonders eng gezogen, wie beispielsweise in Osnabrück.

Obwohl auch hier die Sparkasse vor allem "zum Nutzen der Handwerker, Tagelöhner [und] Dienstboten" sein sollte, betrug der Höchstbetrag der Einlagen stattliche 75 Reichstaler – davon konnte eine fünfköpfige Landarbeiterfamilie ein ganzes Jahr leben. Auf diese Weise hatten auch wohlhabendere Personen Zugang zur Kasse.

 

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